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Aktuelles - Archiv - Oktober 2026

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07.07.2024 - Die Mundart des Oderbruchs

Am 15.Juni 2015 wurde in der MOZ ein Dokumentarfilm angekündigt, der in der Neulietzegöricker Kirche bereits gezeigt wurde und den Titel "Von Icke bis Platt - Wie in Berlin und Brandenburg ursprünglich gesprochen wird" trägt. Die Überschrift des MOZ-Beitrages von Kenneth Anders lautete: "Ick soll ihn wat vertelln." Diejenigen älteren Oderbrücher, die längst tot sind und mit denen ich vor fast 50 Jahren gesprochen habe, hätten übereinstimmend gesagt: "Ick soll ju wat vertelln". Schon aus diesem kleinen Beispiel geht hervor, wie sich die Oderbrücher Mundart seitdem verändert hat und weiter verändern wird
Die Sprache, die die Oderbrücher heutzutage im Alltag sprechen, kann man kaum noch als "Oderbruchplatt" bezeichnen. Vor der Trockenlegung des Bruchs sprach die Altbevölkerung unter sich einen sorbischen Dialekt. Zumindest die Familienväter konnten auch deutsch, was unabdingbar war, wenn sie auf dem Wriezener Fischmarkt ihre Fische verkaufen mussten und sich von dem erlösten Geld mit Waren eindeckten, die sie selbst nicht produzieren konnten. Ihr Deutsch gehörte zum Bereich der niederdeutschen Sprache und lag innerhalb der Grenzen der mittelmärkischen Mundart.

Dann kamen nach 1754 die Kolonisten aus verschiedenen, sehr unterschiedlichen Teilen des außerpreußischen Deutschlands und aus Österreich. Sie brachten natürlich ihre mundartlichen Eigenheiten mit, die sich mit denen der Einheimischen über kurz oder lang vermischten, ohne gänzlich zu verschwinden. Dabei gab es zunächst in den verschiedenen Kolonistendörfern ganz eigene Sprachvarianten, die mit der jeweiligen Herkunft der Siedler zu tun hatten. In Neubarnim z.B., wo vorwiegend Pfälzer und Österreicher angesetzt wurden, sagte man noch lange: "Des ken’n mer nicht", "kuum runner", "des du ich nich", "ich heb nischt". Dass aus dem "ich" bald ein "ick" geworden ist, hat mit dem Berlinischen zu tun, einer Sprache mit eigener Grammatik, die im weiten Umkreis Berlins die Volkssprachen mehr und mehr überformt, ja teilweise verdrängt hat. In den Orten Neutrebbin und Neulewin dagegen wurden deutsche Bauern aus polnischen Herrschaftsgebieten heimisch. Deren Alltagssprache wurde in älteren Darstellungen als "großer Misch-Masch von nicht selten radebrechendem Deutsch" bezeichnet. Insgesamt aber entstand innerhalb von 150 Jahren ein Sprachduktus, der in der märkischen Sprachlandschaft etwas Eigenständiges darstellte und auch unverwechselbar war.

Gravierende Veränderungen brachte die Einwanderung von Arbeitern aus Posen, Westpreußen und Schlesien aus den im Ersten Weltkrieg verloren gegangenen deutschen Ostgebieten. Die Reste der alten Oderbrücher Mundart und die Auswirkungen der Zuwanderung auf Wortschatz und Aussprache haben sprachwissenschaftliche Untersuchungen im Jahre 1925 festgehalten und dokumentiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Heimatvertriebene aus den östlich angrenzenden Gebieten im Oderbruch eine neue Heimat. Sie sprachen das neumärkische Platt, während Neusiedler aus weiter entfernten Gegenden noch mit ganz anderen, fremdartigen Spracheinflüssen aufwarteten. Außerdem wirkte sich durch die wachsende Mobilität der Menschen immer stärker das Berlinische aus und durch den Schulunterricht, die Medien und die Behördensprache drang auch die hochdeutsche Sprache in den Alltag der Oderbruchbewohner ein.

Die heute gesprochene Oderbrücher Mundart hat also nur noch wenig mit dem zu tun, "was ursprünglich gesprochen wird". Ob sie einst ganz verschwinden wird, weil ihre Sprecher aussterben, sei dahingestellt. Doch Sprache ist immer auch ein wichtiges kulturelles Element, das zur landschaftlichen Identität dazugehört. Insofern gehört die Oderbrücher Mundart zum kulturellen Erbe des Oderbruchs, das seit zwei Jahren das überregional hochwertige Kulturerbesiegel trägt.

An folgendem Sprachbeispiel, das Mundartforscher um 1960 im Oderbruch aufgezeichnet und im Heimatkalender von 1963 veröffentlicht haben, mag deutlich werden, ob heute hier noch jemand so spricht bzw. was davon noch übrig ist:

Um 1960, also vor fast 65 Jahren, schilderte Frau Dexheimer aus Altreetz das längst aus der Mode gekommene Federnreißen in Oderbrücher Mundart:

"Scheen war ook immer det Fäädernrieten int Dörp. Dorto wurden alle, wat so de nächsten worn, injeloodn. Jleich not Neijohr jing et los. Wer nun vill Fäädan hadde - denn det sullen ja ofte de Bruutbedden werdn - mußte janze lange Dische upstelln, un denn fing Tante Alma an: ‘Mäkes, nu singt man ierscht en Enge!’ Un keener kunn anfang, bis et denn Tante Alma jemokt het. Mierschtendeels wor et en janz frommet Enge, wat sich so scheen lang trecken leet. Jeräätn wurde mierschtens bis halb zehne.
Upn letzten Abend wor denn de Fääderköste. Do jaf et scheenen Koke un Kaffe. Up manche Stellen spielte ook eener upt Treckedings, un denn kunn we ook en Enge danzen, uppe Strümpe natürlich, det de Dielen nich so afjeschrammt wurdn!"

Text: Dr. Reinhard Schmook